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Corona zeigt, wie fragil Leben ist“

Trauerbegleiterin Birgit Schneider erklärt im Interview mit dem Darmstädter Echo, wie sich Trauern verändert hat und was dies für die Menschen bedeutet

DARMSTADT-DIEBURG . Der Tod allgegenwärtig. Mehr als 81 000 Menschen sind bundesweit seit Beginn der Pandemie in Verbindung mit dem Virus gestorben. Die Trauer über sie hat sich unter den Corona-Regeln verändert. Wie sich das auf die Angehörigen der Verstorbenen auswirkt, beschreibt die Geschäftsführerin und Trauerbegleiterin beim Hospizverein Pfungstadt und nördliche Bergstraße, Birgit Schneider. 

Frau Schneider, täglich hören wir Meldungen über die Zahl der Menschen, die mit oder an dem Coronavirus gestorben sind. Hat sich dadurch unser Verhältnis zum Tod und zum Sterben verändert? 

Birgit Schneider: Die Meldungen bekommen schon fast eine Normalität. Wir dürfen dabei aber nicht vergessen, dass hinter jedem Menschenleben Angehörige stehen. Was es heißt, einander nicht mehr sehen zu können, einander verloren zu haben. Es macht mir bewusst, wie fragil unser Leben ist.

Der Tod kommt uns näher. Wie hat Corona das Sterben und auch das Trauern verändert? 

Wenn ich mir vorstelle, mein Angehöriger erkrankt schwer, kommt ins Krankenhaus, stirbt, und ich habe mich nicht mehr von ihm verabschieden können, ihn nicht mehr sehen können: Das will ich nicht erleben müssen. Das bedeutet so viel Leid für die Menschen, das kann ich mir kaum ausdenken. 

Kennen Sie solche Fälle aus der Trauerbegleitung? 

Ja. Insbesondere im zweiten Lockdown haben wir viele Anrufe gehabt, die genau das ausgesprochen haben. „Ich konnte nicht mehr zu meinem Mann ins Krankenhaus, mein Vater ist gestorben und ich konnte nicht mehr Abschied nehmen“, sagten die Menschen. Das zeigt die Betroffenheit, dass man den anderen alleinlassen musste in seiner vielleicht schwersten Zeit.

Was bedeutet das für die Angehörigen? 

Das macht ganz viel mit den Menschen. Sie müssen über ihr Leid sprechen können. Sie müssen die geballte Ladung an Emotionen aussprechen dürfen. Sie brauchen andere, die ihnen zuhören. Das fehlt jetzt manchmal. Ich bin mir sicher, es kommt noch eine Menge Trauerarbeit auf uns zu.

Nicht nur Zuhörer bleiben aus. Auch Rituale, die zum Trauern gehören. Eine Beerdigung mit vielen Freunden gibt es nicht mehr. Umarmungen sind unmöglich. Kann man überhaupt noch Abschied nehmen? 

Für ein gutes Trauern braucht es auch ein gutes Abschiednehmen. Doch wie, wenn ich vielleicht nicht mehr am Bett letzte Worte sprechen konnte, keine letzte Begegnung möglich war. Nur das Gefühl: Ich bleibe zurück. Und dann kommt die Trauerfeier. Anteilnahme zeigen, einander drücken, Arm in Arm gehen, das alles ist auf ein Minimum reduziert. Ich bin eigentlich ganz schön alleingelassen.

Es gibt den Begriff der verschleppten Trauer. Holt die Angehörigen die Trauer später wieder ein? 

Wir leben in dieser Pandemie. Wir müssen uns damit abfinden, dass vieles nicht möglich ist. Natürlich kann ich die Trauerfeier später ausrichten. Aber die wird sich sicher anders anfühlen als zu dem Zeitpunkt, als ich wirklich den Trauerabschied mit Freunden gebraucht hätten. Und auch eine auf später verschobene Trauer wird irgendwann hochkommen, da bin ich mir sicher. 

Wie gehen Menschen mit Trauer um? 

Trauern ist ein sehr persönlicher Prozess. Trauernden Menschen hilft in der Regel, wenn Sie immer wieder von ihrer Trauer erzählen dürfen und sie Menschen haben, die ihnen auch zuhören. Deshalb bieten wir in unserem Hospizverein Trauerangebote an. Beispielsweise unser Sonntagscafé für Trauernde und Einzelgespräche. Das Café fällt jetzt weg.

Wie fangen Sie das auf? Was können Sie als Trauerbegleiter derzeit tun? 

Wir haben ein engagiertes Team, das kreativ ist. Die Trauerbegleiter halten auch jetzt in der Zeit, in der die Treffen nicht möglich sind, telefonisch Kontakt. Sie besuchen die Menschen, gehen mit ihnen zu zweit spazieren. Wir sind froh, dass die Trauerarbeit trotz der massiven Einschränkungen angeboten werden kann. Die Menschen nehmen das sehr dankbar an.

Was raten Sie trauernden Angehörigen in der jetzigen Situation? 

Ich frage die Betroffenen, ob sie gerne schreiben. Es kann helfen, wenn man all das, was einen bewegt, aufschreibt. Es gibt so viele Gefühle und Sätze, die gesagt werden wollen, aber vielleicht noch nicht gesagt werden können, die noch Zeit brauchen. Die kann man an das Trauertagebuch abgeben. 

Aber reden bleibt wichtig? 

Ich würde nie sagen, man muss reden, vielleicht passt das für manchen auch nicht. Wir fragen die Menschen, was ihnen gut tun würde. Die Erfahrung hat aber gezeigt, dass es Trauernden hilft, darüber zu sprechen. Daran ändert auch Corona nichts.

Das Interview führte Wolfgang Görg. 

ZUR PERSON 

Birgit Schneider (59) ist seit Januar 2009 hauptamtliche Koordinatorin des Hospizvereins Pfungstadt und nördliche Bergstraße. Sie ist examinierte Krankenschwester mit Fortbildung zur Palliativ Care Fachkraft und ausgebildete Hospizbegleiterin sowie Trauerbegleiterin. Zudem hat sie das Studium der Pflege- und Gesundheitsförderung an der Evangelischen Hochschule in Darmstadt absolviert. (wog)

April 2021 : Ludwig Metzger Preis der Sparkasse Darmstadt für unseren Hospizverein

 Youtube – Video der Preisverleihung im Kikeriki Theater Darmstadt –https://www.youtube.com/watch?v=OaYUCmpa-XM

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